MediWiki Uni Köln

Notbetrieb

Zur Startseite

Gesundheitsökonomie/Evaluation

(18.06.2006 18:18 Uhr | Neuere Version - Ältere Version)
'''Gesundheitsökonomische Evaluation'''
Vorlesungsmitschrift vom 02. 06. 2006 ⇒ Vervollständigung erwünscht!
----
== Lernziele / FAQ Gesundheitsökonomie ==
* Sind Medizin und Ökonomie vereinbar?
* Brauchen wir Gesundheitsökonomie?
* Was kostet Gesundheitsökonomie?

== Wirtschaftlichkeit ==
=== Ökonomische Prinzipien ===
* entweder Gewinnmaximierung (in der Medizin besser ''Nutzen''maximierung)
* oder Kostenminimierung (hierbei ist der Nutzen vorgegeben bzw. fix)
=== Ziele der Medizin ===
* optimale Versorgung des Patienten
* Qualität und Erfolg der Behandlung (haben höchste Priorität)
* Wirtschaftlichkeit medizinischer Maßnahmen als sogenannte '''4.''' Hürde (folgt nach '''1.''' Wirksamkeitsnachweis, '''2.''' safety = Risiko innerhalb überschaubarer Grenzen und '''3.''' Qualität einer Therapie, wie z. B. Sauberkeit eines Medikaments)

=== Ziele der Ökonomie ===
* sinnvolle '''Zuordnung''' (Allokation) der '''knappen''' Mittel (Ressourcen)
* '''Zielgruppen (Perspektive)'''
:# Gesellschaft (Volkswirtschaft) → primäre Betrachtungsweise des Ökonomen
:# Patient (Krankenversicherung → in der vereinfachten Darstellung für Mediziner interessiert diese sich nur für Kosten aus Therapien und Prophylaxe, nicht für Kosten aus Krankschreibung (AU))
:# Arzt & Krankenhaus
* Nutzer der knappen Ressourcen
* '''Das Behandlungsergebnis wird mit den entstandenen Kosten bewertet.'''
:''(Mögliche Antwort auf die mögliche Klausurfrage "Was ist gesundheitsökonomische Evaluation?")''
* '''Eine andere Verwendung der Mittel,''' auch außerhalb der Medizin, wird einbezogen '''(Opportunitätskosten''' → Fragestellung z. B. "Rettet ein CT mehr Leben als eine Ampelanlage?")
=== Rationalisierung/Rationierung ===
* '''Definition Rationalisierung:''' Kostensenkung durch Vermeiden unnötiger, z. B. doppelter oder nicht indizierter medizinischer Maßnahmen
* '''Definition Rationierung:''' Kostensenkung durch Vorenthalten medizinisch indizierter und (für den einzelnen Patienten) notwendiger Maßnahmen aus ökonomischen Gründen. → ''unerwünscht!''
== Gesundheitsökonomische Forschung ==
=== Wie kann der '''Kostenanstieg''' im Gesundheitswesen '''gemindert werden? ===
* '''Rationalisierung''' bei medizinischen Maßnahmen
* Gesundheitsökonomische Bewertung: '''Kosten-Nutzen-Analysen''' als Entscheidungshilfen
* '''Qualitätsmanagement'''
* '''EbM'''
:EbM und klinische Erfahrung unterstützen sich gegenseitig. EbM entsteht auf der Basis von Studien, die in Form von Leitlinien aggregiert werden. Unterscheide Leitlinien (nicht verbindlich → Abweichen hiervon ist in begründeten Ausnahmefällen möglich) von Richtlinien (juristisch verbindlich)!
* Verbesserung des Informationsflusses, Vernetzung, '''Telemedizin'''
* '''Politik:''' Strukturreformen durch Staat (z. B. Einführung von Managed-Care-Modellen wie in USA, Schweiz)
=== Definition Gesundheitsökonmie ===
:''Mögliche Antwort auf die mögliche Klausurfrage "Was ist Gesundheitsökonomie?"
* Interdisziplinäre Verbindung zwischen Medizin und Wirtschafts-/Sozialwissenschaften
* Methoden: quantitative, vergleichende Studien zu Nutzen & Kosten medizinischer Maßnahmen
* Ziele: Aufzeigen ökonomisch günstigerer, qualitativ gleichwertiger oder besserer Alternativen medizinischer Maßnahmen


{| border="1" cellspacing="0" cellpadding="10" style="border-collapse:collapse;"
|- align="center"

| Ergebnis besser
| Ergebnis schlechter
|- valign="middle" align="center"
| height="38" | Kosten höher
| ?
| indiskutabel
|- valign="middle" align="center"
| height="38" | Kosten niedriger
| erstrebenswert
| ? (ethisch brisant)
|}

? = intensive (Kosten-Nutzen-)Analyse erforderlich
=== Kostenarten ===
* direkte (medizinische) Kosten
* indirekte (volkswirtschaftliche) Kosten → AU
:''sogenannter Humankapital-Ansatz''
* intangible Kosten (Lebensqualität) → Schmerz, Leid, Behinderung
'''Beispiele:'''
* Rückenschmerzen: direkte < indirekte Kosten
* Asthma: direkte > indirekte Kosten
== Methoden ==
=== Analyse einzelner Krankheiten ===
* Krankheitskostenanalyse = cost of illness study = CIS: direkte Kosten + indirekte Kosten + intangible Kosten
:(dient dazu, im Voraus zu wissen, welche Ressourcen die Krankenversicherungen auch für Extremfälle wie Pandemien vorhalten müssen)
=== Kosten-Nutzen-Analysen ===
''vergleichende Bewertung medizinischer Maßnahmen''
* Kosten-Minimierungs-Analyse = cost minimization analysis = CMA: ΔK
:Nutzen der Verfahren A und B ist gleich
* Kosten-Wirksamkeits-Analyse = cost effectiveness analysis = CEA
:Hierbei wird der Nutzen zweier Maßnahmen betrachtet. Obwohl in der Pharmakoökonomie sehr beliebte, weil sehr einfache Analyseform (2 in natürlichen Einheiten messbare medizinische Maßnahmen werden verglichen), nicht die ideale Analyse.
* Kosten-Nutzwert-Analyse = cost utility analysis = CUA
{| align="right" border="1" cellspacing="0" cellpadding="10" style="border-collapse:collapse;"
|+ '''beispielhafter Auszug aus Tabellenwerken für Utilities'''
|-
|vollkommene Gesundheit || 1,0
|-
|leichte Angina Pectoris || 0,99
|-
|Z. n. Nierentransplantation || 0,84
|-
|Z. n. Apoplex || 0,79
|-
|Blindheit || 0,39
|-
|schwere Herzinsuffizienz || 0,3
|-
|Tod || 0
|}
:* Utility: Zahlenwert für die '''Q'''uality '''o'''f '''L'''ife (QoL), der als Durchschnitt vieler Untersuchungen (Fragebögen, Expertenmeinungen etc.) in Tabellenwerken festgelegt wird. Auszug siehe Tabelle rechts ''(Werte nicht klausurrelevant).''
:* qualitätsbezogene Lebensjahre = '''Q'''uality-'''A'''djusted '''L'''ife '''Y'''ears = QALY:
::Utility × Restlebenserwartung ''nach'' einer medizinischen Maßnahme
*Kosten-Nutzen-Analyse im engeren Sinne (Humankapital-Ansatz) = cost benefit analysis = CBA
:''Hauptwerkzeug der Gesundheitsökonomie, da Nutzen bzw. Benefit hier auch in Geldeinheiten bewertet wird. ⇒ ermöglicht den Vergleich einer medizinischen Maßnahme mit einer Maßnahme außerhalb des Gesundheitswesens''

{| align="left" valign ="middle" border="1" cellspacing="0" cellpadding="5" style="border-collapse:collapse;"
|+ '''Formelsammlung'''
|-
| rowspan="2" | center|150px
|width="250" | K: Kosten zweier medizinscher Maßnahmen
|-
|N: in natürlichen Einheiten (z. B. ) messbarer Nutzen zweier Maßnahmen
|-
| rowspan="2" | center|237px
|K: Kosten zweier medizinischer Maßnahmen
|-
|QALY: Utility × Restlebenserwartung
|-
| rowspan="2" | center|307px
|K: Kosten zweier medizinscher Maßnahmen
|-
|N: Nutzen, hier: Verminderung indirekter Kosten (Kosten für AU)
|}
                                                                                           

Übungen des Instituts (Passwort wie Vorlesungsfolien)
== Rechnen ==
=== Statistik: Grundlagen ===
* Prävalenz = Wahrscheinlichkeit, dass beliebiger Mensch während seines Lebens erkrankt = P(K+)
''Lesebeispiel bedingte Wahrscheinlichkeiten:''
P(K+|T+) = Wahrscheinlichkeit, dass Patient krank (Krankheit positiv) unter der Bedingung, dass Test poitiv
* Sensitivität = P(T+|K+)
* Spezifität = P(T-|K-)
* positiver prädiktiver Wert (ppW) = P(K+|T+)
'''Beispielrechnung'''
{| align="right" valign ="middle" border="1" cellspacing="0" cellpadding="10" style="border-collapse:collapse;"
|+ '''Beispiel'''
|- align="center"
| colspan="2" rowspan="2" |  
| colspan="2" align="center" | Test
| rowspan="2" valign="bottom" width="45" | Σ
|- align="center"
| width="45" | + || width="45" | -
|- align="center"
| rowspan="2" valign="middle" | Krankheit || + || style="background:red; color:white" | 99 || 1 || 100
|- align="center"
| - || 1998 || 97902 || 99900
|- align="center"
| colspan="2" align="right" | Σ || style="background:red; color:white" | 2097 || 97903 || '''100000'''
|}
gegeben:
* P(T+|K+) = 0,99
* P(T-|K-) = 0,98
* P(K+) = 0,001
* Stichprobenumfang n = 100000
gesucht:
* P(K+|T+) = 99 × 2097⁽⁻¹⁾ = 0,04721
* Nutzen = ppW × P(K+)⁽⁻¹⁾ → 0,04721 × 0,001⁽⁻¹⁾ = 47,21
=== Statistik: Anwendung ===
Der Haemoccult-Test wurde als Screening-Methode auf Colon-Carcinome anfangs 6 Male parallel durchgeführt. Bei einer Sensitivität von 0,9167, einer Spezifität von 0,6349 und einer Prävalenz von 0,007194 für Colon-Carcinome ergab sich folgende Konstellation:
* 4. Screnningtest kostet 470.262
* 5. Screeningtest kostet 4.695.000
* 6. Screeningtest kostet 43.966.667
Ergebnis: da man mit der 4.-6. parallel entnommenen Probe nur noch ganz wenige weitere erkrankte Personen findet, gleichzeitig aber volkswirtschaftlich untragbar hohe Summen ausgibt, führt man inzwischen nur noch 3 Tests auf okkultes Blut durch (im Screening!).

Auch bei Impfungen ist abzuwägen zwischen der Schutzwirkung und den möglicherweise "unnötigen" Kosten für Menschen, die ohnehin nie erkrankt wären ("number needed to treat", NNT). ⇒ Kosten-Nutzen-Analyse im Markov-Modell (Übungen Markov-Modell des Instituts)
=== Gewinn ===
thumb|300px|Break Even Analyse
'''Definitionen'''
* Gesamtkosten = fixe Kosten + variable Kosten
: ''Gebäudekosten & Personal machen in einem durchschnittlichen Krankenhaus ca. 2/3 aller fixen Kosten aus.''
* Deckungsbeitrag (DB) = Erlös - variable Kosten
* Gewinn = DB - fixe Kosten = Erlös - Gesamtkosten
:''Merke: Umsatz = Erlös ≠ Gewinn''
* Grenzkosten errechnen sich durch mathematische Ableitung der variablen Kosten. Steigen die variablen Kosten linear (variable Kosten = a × x + fixe Kosten), so ist die erste Ableitung die Steigung "a".
== Volkswirtschaft ==
=== Bruttoinlandsprodukt ===
Das '''Bruttoinlandsprodukt''' (BIP) der Bundesrepublik Deutschland betrug in 2005 ''2,2 Billionen Euro.'' Innerhalb der EWU wurden Verträge abgeschlossen, die ein "Pflicht-Wachstum" gemäß den sogenannten ''Maastricht-Kriterien'' vorschreiben. Deutschland hat diesen Kriterien bereits seit derzeit 3 Jahren nicht mehr entsprochen.
{| align="right" border="1" cellspacing="0" cellpadding="5" style="border-collapse:collapse;"
|+ '''Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP div. Länder'''
|-
| align="left" | USA || align="right" | 15,0%
|-
| style="background:red; color:white" align="left" | Deutschland || style="background:red; color:white" align="right" | 11,1%
|-
| align="left" | Frankreich || align="right" | 10,1%
|-
| align="left" | Niederlande || align="right" | 9,8%
|-
| align="left" | Belgien || align="right" | 9,6%
|-
| align="left" | Dänemark || align="right" | 9,0%
|-
| align="left" | Italien || align="right" | 8,4%
|-
| align="left" | Österreich || align="right" | 7,5%
|-
| colspan="2" align="center" | ''Quelle: OECD, 2005''
|}
Der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP ist in Deutschland mit derzeit ca. 11% recht konstant und vergleichsweise hoch (s. Tabelle rechts).
1960 betrug der Anteil noch 4,8%, 1980 bereits 8,7% und seit 2000 mit 10,6% kann man sich die 11% als "Faustwert" in den Hinterkopf packen.
Für Gesundheit werden in der BRD gegenwärtig also ungefähr 250 Milliarden Euro pro Jahr ausgegeben. 25 Milliarden sind reine Arzneimittelkosten.
=== Weshalb steigen die Kosten im Gesundheitssystem? ===
* demographische Entwicklung (statistisch müsste jede Frau für eine ausgewogene Alterspyramide 2,1 Kinder bekommen)
* technologischer Fortschritt
* Beschäftigte im Gesundheitswesen als Anteil aller Beschäftigten steigt (1970 2,9% → 1980 4,5% → 1990 5,8% → 2000 ca. 10%) ⇒ '''Medizin ist ein Wachstumsmarkt!'''
== Sonstiges ==
* Abzinsen/Diskontieren
* inkrementelle Analyse
* Grenzkosten
* Grenznutzen
=== Verbrauch an Antibiotika im internationalen Vergleich ===
Frankreich > Spanien > Portugal > Griechenland > Finnland > England > Deutschland > Schweden > Dänemark > Niederland
'''Die Entwicklung resistenter Stämme korreliert weitgehend mit der Freizügigkeit bei Verschreibungen!'''
Resistente Stämme bedeuten enorme Kosten.

Dateien

Templatelinks

Pagelinks

Externe Links

Notbetrieb mit freundlicher Unterstützung von Infozelt Webdesign